Kurland Mai 2011 – Farbe zeigen!

Mach es wie der Frühling: „Zeig Farbe!“ Wenn wir Menschen davon sprechen Farbe zu bekennen, dann meinen wir in unserem Sprachgebrauch, dass wir ehrlich sind, dass wir echt sind. Damit ist jemand, der keine Farbe bekennt; noch lange kein Lügner. Nein – nur von außen betrachtet vermeidet so jemand einen Teil seiner Farben, klammert er oder sie einzelne Lebensbereiche aus, ignoriert oder verdrängt sie. Wer Farbe bekennt wird bunter, lebendiger, echter… Farbe bekennen wird so etwas wie, viele Blumen in ihren jeweiligen Farben zum Blühen zu bringen. Es ist – um im Bild zu bleiben – eine ganze Blumenwiese zum Strahlen zu bringen. Farbig sein führt uns zu einer Ganzheit, einer Ganzheit nicht von außen sondern einer von ganz tief innen. Eine solche Art des Blühens braucht Mut, es verlangt Worte zu sagen, deren Farbe nicht jedem passen, es verlangt Dinge zu tun ohne jeden weiteren Schritt genau zu kennen.

Wir leben in einer Zeit, in der uns Wohlstand, Konsum und Individualismus ein breites Spektrum an Farben ermöglichen. Wir fahren Autos in allen Farben, unsere Kleidung ist bunt, Haare leuchten in allen Farben. Die Tourismusbranche lockt mit Hochglanzbroschüren ans türkisblaue Meer, zu grünen Palmen, rotem Wüstensand – Bilder von glücklichen Menschen bei den unterschiedlichsten Freizeitaktivitäten – alles scheint möglich. Die Frage nach den Möglichkeiten wird uns ausgiebig beantwortet. Bleibt die Frage danach was mir gut tut, mich erfüllt, mir Sinn gibt, die Frage danach was mir entspricht, welche Farbe denn nun meine Farbe ist.

Wie also gehe ich um mit all der Vielfalt und Buntheit, die sich mir bietet? Nehme ich so viel wie nur möglich mit um ausgefüllt zu sein, lebe ich so viel wie möglich aus um möglichst glücklich zu werden? Das Geheimnis liegt im Mut zur Entscheidung. Von der ganzen bunten Blumenwiese, die vor mir liegt, suche ich mir eine Blume aus, die mich besonders anspricht. Diese Blume betrachte ich in Ruhe, ich rieche, fühle, vielleicht kann ich sie sogar schmecken oder gar hören. Ich lasse mich ganz auf diese eine Blume ein und lasse mir Zeit dabei. So habe ich die Chance, dass sie sich mir erschließt, sich für mich öffnet, mir begegnet. –Wenn ich das immer wieder auch mit anderen Blumen, Bäumen, Tieren und auch Menschen lebe, kann ich eine Ahnung von all der Fülle und Vielfalt der Farben bekommen. Und erst im nächsten Schritt kann ich entscheiden, was denn davon meine Farbe ist und sein will – immer wieder neu.

Mach es wie der Frühling: Jede Farbe braucht ihre Zeit sich zu entwickeln, ihre Zeit ihren Duft zu versprühen, braucht Zeit ihre Frucht, ihren Samen, ihren Sinn zu entfalten.

Mach es wie der Frühling: Nimm dich selbst ernst, zeig deine Farbe, deine Wirklichkeit, deine Echtheit, deine Wahrheit. Zeig dich in deiner Farbe, in deinen Farben.

Mich zeigen mit all meinen Farben – bei den stahlenden hellen Farben ist das ja kein Problem – aber was ist mit den anderen, den düsteren und dunklen Farben? Sind sie auch gefragt? Zeige ich sie oder verstecke ich sie lieber, blende sie aus, ignoriere sie, in der Hoffnung, dass sie dann ganz von alleine verschwinden? Zeige ich nur mein Blühen und verberge meine Schatten?

Mach es wie der Frühling: Zeig all deine Farben mit den dazugehörigen Schatten. Der Frühling zeigt, wie es geht. Alle meine Farben leben, mit meinen Schatten, alles zu entdecken, alles anzunehmen. Ich werden, ich sein dürfen mit meinem strahlenden Gelb, dem leuchtenden Orange und mutigen Lila, meinem unbestimmten Mittelblau, blassen Hellblau, meinem trauernden Schwarz und düsteren Grau, meinem nichtssagenden Weiß und vorurteilsfreien Rosa…eben Farbe bekennen.

Farbe bekennen bedeutet, selber tiefer in sich hinein schauen zu dürfen und zu wollen. Das Leben wird dadurch farbiger, es berücksichtigt meine Wünsche, meine Sehnsüchte, meine Bedürfnisse und es blendet meine Fehler nicht aus, sondern nimmt sie als einen Teil meiner Farbigkeit. Wir alle kennen dies und wir wissen wie schwer dies manchmal ist. Da ist es gut wenn wir einen Begleiter haben, einen, der unsere Farben kennt, sie annimmt und sogar liebt, einer, der uns unseren Weg zeigt, der uns auch mal nachgeht, wenn wir uns verlaufen haben, und der uns auch mal trägt, wenn wir aus eigener Kraft nicht mehr weiter können. Manchmal ist es ein guter Freund oder eine Freundin, manchmal ist es die Partnerin oder der Partner, manchmal ist es so etwas wie ein Engel – in den unterschiedlichsten Begleitern können wir Gott selbst erahnen und erspüren.

On September 17th, 2011, posted in: Presse by

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